„Wir verwechseln Ziel und Mittel“

Sieben Fragen an Christian Felber

Der Begriff taucht immer öfter in den Medien auf: Gemeinwohl-Ökonomie. Doch was verbirgt sich dahinter? Wir sprachen darüber mit Christian Felber. Der österreichische Autor und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen ist der Entwickler dieses alternativen Wirtschaftssystems. 

1) Herr Felber, viele Menschen können sich unter dem Begriff Gemeinwohl-Ökonomie noch nichts vorstellen. Erklären Sie ihn uns?
Der Begriff ist in Demokratien nicht vordefiniert, er muss von den Menschen gemeinsam mit Sinn gefüllt werden – gleich wie „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“. Unser Ansatz ist, dass sich die BürgerInnen in ihren Lebensgemeinden an einem Prozess beteiligen können, in dem die 20 wichtigsten Komponenten von Lebensqualität und Wohlbefinden ermittelt werden. Das wäre der „Kommunale Gemeinwohl-Index“, aus dem später das „Gemeinwohl-Produkt“ hervorgehen kann. Dieses wird von Gesundheit und Bildung über demokratische Beteiligung und gerechte Verteilung bis zu Umweltqualität und Weltfrieden alles enthalten, was das Leben aus Sicht der Betroffenen lebenswert macht. Die „Gemeinwohl-Bilanz“ für Unternehmen fragt ab, was ein Unternehmen zu den höchsten Zielen und Werten einer demokratischen Gemeinschaft beiträgt und belohnt entsprechende „ethische Leistungen“. Unser aktueller Ausgangspunkt: Menschenwürde, Solidarität, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Demokratie.

2) Sie haben das Modell der GWÖ gemeinsam mit verschiedenen Unternehmen entwickelt. Was war für sie ausschlaggebend?
Die verdrehte Situation, dass die gegenwärtigen Spielregeln für die kapitalistische Weltwirtschaft ethisches Verhalten bestrafen und unethisches belohnen. So kam ich auf das Kernproblem: Wir verwechseln Ziel und Mittel in der Wirtschaft. Seit Aristoteles wissen wir, dass Geld und Kapital nur die Mittel sein sollten für ein gutes Leben für alle – oder eben das Gemeinwohl. Heute ist die Geldmehrung aber zum Ziel des Wirtschaftens geworden, das wir mit Finanzrendite, Finanzgewinn und Bruttoinlandsprodukt vorrangig messen. Die GWÖ schlägt vor, dass wirtschaftlicher Erfolg am Ziel gemessen wird. Wenn Unternehmen vorrangig auf eine gute Gemeinwohl-Bilanz achten und Investoren auf die Gemeinwohl-Wirkung ihrer Projekte, dann verbinden sich individueller und gesellschaftlicher Erfolg und die vom aktuellen Wirtschaftssystem verstärkten oder verursachten Probleme beginnen sich zu lösen.

3) Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine alternative Wirtschaftsform. Wie und wann kann sie Wirklichkeit werden?
Sie beginnt schon wirklich zu werden: 400 Unternehmen aus zehn Staaten haben die Gemeinwohl-Bilanz bereits erstellt, darunter drei Banken und eine Bundesbehörde. Dutzende Gemeinden haben beschlossen, Gemeinwohl-Gemeinde zu werden oder sind im Annährungsprozess. Hundert Schulen, Hochschulen und Universitäten machen mit, in Unterricht, Lehre, Forschung und Anwendung – an der Universität Valencia entsteht ein Lehrstuhl Gemeinwohl-Ökonomie. Die Regionalgruppen Steiermark und Südtirol haben eine individuelle Gemeinwohl-Bilanz entwickelt, eine Art „ethischer Kompass“, und mehr und mehr Menschen fragen sich: Nach welchen Werten möchte ich eigentlich leben?

4) Was ist das oberste Ziel der GWÖ?
Die Verkehrung von Zweck und Mittel in der Wirtschaft zurechtzurücken. „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“, steht in der bayrischen Verfassung. Das soll auch gelebt werden – mit Hilfe von Gemeinwohl-Produkt, Gemeinwohl-Bilanz und ethischer Bonitätsprüfung aller Kreditansuchen und Investitionen. Ein zweites Ziel ist, die ursprüngliche Bedeutung von „Ökonomie“ zurückzuerobern. Denn in ihr steckt das „oikos“, das Haus. Das kann das kleinere Haus sein, der menschliche Haushalt. Darin geht es um das Wohlbefinden aller Mitglieder: das Gemeinwohl. Oder es ist das größere: „unser gemeinsames Haus“, der Planet Erde gemeint. Dann wäre die Ökonomie die Wissenschaft von nachhaltiger Entwicklung. Wer das Geld zum Ziel erklärt, ist gar kein Ökonom, sondern Chrematist – diesen Unterschied hat uns bereits Aristoteles gelehrt. Jetzt haben wir die Chance, die herrschende Chrematistik (Die Kunst, Reichtum zu erlangen. Anmerk. d. Red.) durch eine echte „Ökonomie“ zu ersetzen, dann können wir sogar den Zusatz „Gemeinwohl“ weglassen.

5) Das Interesse steigt weltweit. Wie und wo kann man sich informieren?
Am besten bei der nächsten Regionalgruppe, allein in Deutschland gibt es bereits 30. Alles findet sich auf unserer Website: www.ecogood.org

6) Wie kann man sich aktiv an der GWÖ beteiligen?
Man kann bei einer Regionalgruppe mitmachen oder eine neue gründen. In Gemeinden können die BürgerInnen Beteiligungsprozesse zur Reform der Wirtschaftsordnung starten, Ziel: eine demokratische Verfassung und „souveräne Demokratie“. Auch haben wir ExpertInnen-Kreise für die Beratung der Unternehmen, das Bilanz-Audit, Vorträge und Lehre an Schulen und Hochschulen. Drittens gibt es 20 Vereine, welche die finanzielle und rechtliche Unterstützung der Bewegung bilden – wir freuen uns über jedes neue Vereinsmitglied. Und schließlich bedarf die international wachsende Bewegung auch der finanziellen Ernährung, um nachhaltige und professionelle Strukturen aufbauen zu können. Die Gemeinwohl-Ökonomie hat den Anspruch, die nächste Wirtschaftsordnung zu initiieren, da braucht es höchste Qualität und Kompetenz.

7) Unter anderem ist Konstantin Wecker GWÖ-Botschafter. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem deutschen Liedermacher?
Die GWÖ und Konstantin haben viele gemeinsame Fans, kein Wunder, bei so ähnlichen Themen und Werten. Ein Fan von Konstantin hat ihm dann ein GWÖ-Buch geschenkt. Er hat es gelesen und war angetan. Wir haben uns mehrfach gesehen und auch persönlich getroffen, und so wurde er GWÖ-Botschafter. Das bisherige Highlight der Kooperation war unser fünftes Geburtstagsfest im Wiener Volkstheater, das Konstantin entscheidend bereichert hat. Ich selbst habe getanzt, er hat mit mehreren Liedern vor fast 900 Gästen den Schlussakkord gesetzt. Das war eine Sternstunde.