Perspektiven einer sozialen Stadt

Vorträge und Podiumsdiskussion der unw-Stadthausveranstaltung 2017

Im Ulmer Stadthaus diskutierten, moderiert von Martin Schwarz (unw), am 23. Mai 2017 die Stadtsoziologin Rotraut Weeber und der Ulmer Bau- und Umweltbürgermeister Tim von Winning Perspektiven einer sozialen Stadt. 

Die Situation in Ulm

Die Stadt Ulm plant den Bau von 3500 Wohnungen in den nächsten fünf Jahren, um dem Bedarf einer weiter wachsenden Stadt gerecht zu werden. Wichtig dabei seien, so der Bürgermeister, soziale Durchmischung und bezahlbarer Wohnraum. Fast alle Wohnungen entstünden durch Innenentwicklung. Vor Nachverdichtung brauche man dabei keine Angst zu haben. Viele dächten dabei an Bilder von überfüllten Wohnquartieren im vorletzten Jahrhundert. Dabei gebe es heute jedoch viele gute Beispiele für gelungene Stadtentwicklung mit hoher Lebensqualität.

Eine hohe Bedeutung hat für von Winning die Gestaltung des öffentlichen Raumes als Ort der Begegnung. Der öffentliche Raum sei in der Vergangenheit zu sehr auf seine Funktion als Verkehrsfläche reduziert worden. „Wenn Sie Kinder und ältere Menschen sehen, die sich einfach so draußen aufhalten, ist das ein sicheres Anzeichen für hohe Aufenthaltsqualität“, so der Bürgermeister. Bei der Entwicklung neuer Stadtviertel sei es wichtig, die Entflechtung der Funktionsbereiche wieder etwas zurückzuführen. Durch die Trennung von Wohnen und Arbeiten oder die Zentralisierung etwa von Bildungseinrichtungen entstünden weite Wege. Die Bevölkerungsdichte von Wohnvierteln müsste so groß sein, dass sich dort zum Beispiel die Ansiedlung von Geschäften oder medizinischen Dienstleistungen wirtschaftlich lohne.

Anforderungen an die Stadtentwicklung

Weeber führte aus, dass die meisten Menschen mehr soziales Miteinander wünschten, als sie in ihrer Nachbarschaft tatsächlich lebten. Auch im Blick auf den demographischen Wandel und die Zunahme von Einpersonenhaushalten würden informelle Netzwerke und Hilfestrukturen im Sinne einer Caring Community in den Quartieren immer wichtiger. Für die soziale Durchmischung sei ein Nebeneinander von Wohnungen mit großen und kleinen Flächen je Zimmer im selben Gebäude erforderlich – auch wenn das architektonisch eine Herausforderung darstelle.

Außerdem forderte Weeber Wohnraum für gemeinschaftliche Wohnformen, wie etwa Senioren-WGs. Ihrer Erfahrung nach würden solche Projekte zwar nicht immer dauerhaft funktionieren oder die gemeinschaftlichen Aktivitäten mit der Zeit nachlassen. In den meisten Fällen böten sie aber mehr Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung als individuelles Wohnen. Die Soziologin unterstrich ebenfalls die Bedeutung des öffentlichen Raumes als Ort der Begegnung. Quartiersentwicklung dürfe dabei nicht auf die Innenstadtbereiche beschränkt bleiben, sondern müsse auch die Siedlungen am Stadtrand oder Teilorte in den Blick nehmen.

Beide Referenten, Weeber und von Winning, sahen die Konzeptvergabe als wesentlichen Schlüssel zur Stadtentwicklung an.