Nachhaltigkeit in der Textilindustrie und beim Textilkonsum

Ein Seminarkurs der 12. Klasse der Friedrich-List-Schule

„Voll korrekte Hose interessiert keinen“ – unter diesem Titel berichtete die SWP Ende Juni 2017 über die Präsentation der Ergebnisse einer Online-Umfrage zum Thema Textilkonsum, die Schülerinnen und Schüler der Friedrich-List-Schule in Kooperation und unter Anleitung der Universität Ulm durchgeführt hatten.

Angestoßen wurde dieses spannende Projekt durch die Projektkoordinatorin des unw, Magdalena Ulmer: Sie gab die Information über eine Projektförderung der Robert Bosch Stiftung an Lehrkräfte der Friedrich-List-Schule weiter.

Kern der Ausschreibung der Bosch-Stiftung war es, Wissenschaft und Schule zu einer Kooperation in einem realen Forschungsvorhaben anzuregen. Dank der Bereitschaft von Prof. Martin Müller vom Institut für nachhaltige Unternehmensführung der Uni Ulm, in einer Kooperation den wissenschaftlichen Part zu übernehmen, konnte die Friedrich-List-Schule einen Antrag auf Projektförderung bei der Bosch-Stiftung einreichen. Das konkrete Vorhaben, das von Martin Müller und den Lehrkräften der Schule, Carmen Bernd und Christian Keinath, entwickelt wurde, war, unter Schülerinnen und Schülern eine Online-Umfrage zum Textilkonsum bei jungen Menschen durchzuführen. Realisiert wurde dieses Forschungsprojekt im Rahmen eines Seminarkurses der 12. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums. Auf Seiten des Institutes von Prof. Müller war das Projekt an die Forschungsarbeit im Rahmen des „Reallabor Dietenheim“ angebunden.

Seminarkurs der 12. Klasse

 „Nachhaltige Transformation der Textilwirtschaft am Beispiel des Reallabors Dietenheim“ lautete schließlich das gemeinsam von Universität und Schule entwickelte Rahmenthema des Seminarkurses im Schuljahr 2016/2017, das die Förderzusage der Robert Bosch Stiftung erhielt. In diesem Seminarkurs, der als wissenschaftliches Propädeutikum auf ein Studium vorbereitet, wurden sowohl methodische Kenntnisse (wissenschaftliche Recherche und Dokumentation, selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten) als auch thematische Inhalte vermittelt, die den teilnehmenden 17 Schülerinnen und Schülern einen Einblick in wirtschaftsethische Fragestellungen rund um das Thema Textilproduktion und -konsum vermittelten.

Zu Beginn des Schuljahres führte Prof. Müller in mehreren Vorlesungen in den Räumen der Friedrich-List-Schule in globale Zusammenhänge und Probleme nachhaltigen Wirtschaftens ein und fokussierte dann auf die konkrete Situation in der Textilbranche. Vertieft wurde der Einblick der jungen Leute in das Rahmenthema durch verschiedene Exkursionen, die Dank der Förderung der Bosch-Stiftung möglich wurden. Angefangen vom Lieferant des Rohstoffs Schurwolle, einem Bioland-Hof in der Hessischen Röhn, über den Garnhersteller Gebr. Otto Garne in Dietenheim bis zu einem Besuch beim größten, nachhaltig orientierten Online-Versender, der Fa. Hess Natur, lernten die am Seminarkurs Teilnehmenden anschaulich die Möglichkeiten und Herausforderungen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise in der Textilbranche kennen. Den Abschluss bildete ein Besuch im Nähcafé Dietenheim, bei dem vermittelt wurde, wie man als Konsument ausgediente Stoffe wiederverwerten kann. Solchermaßen inhaltlich vorbereitet wurden die Schülerinnen und Schüler durch Frau Samira Iran, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Müller, mit der Konzeption einer quantitativen Studie zum Textilkonsum junger Menschen vertraut gemacht. Diese wurde im zweiten Kurshalbjahr v.a. unter den Schülerinnen und Schülern der Friedrich-List-Schule online durchgeführt und von Samira Iran ausgewertet.

„Voll korrekte Hose interessiert keinen“

Frappierendes Ergebnis dieser Umfrage war: Zwar wissen viele junge Menschen, dass es bei der Produktion und beim Konsum von Textilien eine ganze Reihe von Aspekten gibt, die ein nachhaltiges Wirschaften erschweren. Gleichzeitig bestimmt dieses Wissen nur bei einer sehr kleinen Minderheit das Einkaufsverhalten. „Voll korrekte Hose interessiert keinen“ – so titelte die Lokalpresse, die bei der Präsentation der Ergebnisse anwesend war, also zurecht. Auch wenn das Ergebniss der Umfrage inhaltlich eher ambivalent zu bewerten ist, war sie als Kern der wissenschaftlichen Kooperation von Universität und Schule als deskriptives, empirisches Forschungsvorhaben ein voller Erfolg: Die jungen Menschen, die teilnahmen, berichteten in der abschließenden Auswertung durchgehend davon, dass sie an diesem konkreaten Beispiel einen erweiterten Horizont im Blick auf die Probleme und Möglichkeiten nachhaltigen Wirtschaftens erhalten haben. Auch die beteiligten Lehrkräfte bewerteten die Zusammenarbeit mit dem Institut von Martin Müller als spannend und gewinnbringend für die jungen Leute im Seminarkurs.

Vielleicht gibt es in kommenden Schuljahren eine naheliegende normative Fortsetzung dieses ersten, eher deskriptiv angelegten Seminarkurses: Wie kann etwas an der Einstellung junger Menschen beim Textilkonsum verändert werden, sodass bei einer künftigen Umfrage eine größere Gruppe antworten würde „Voll korrekte Hose interessiert mich!“.

VON CHRISTIAN KEINARTH