Südwest Presse Ulm am 25. März 2010

Kommt die Zukunft nachhaltig genug rüber?


Ulm. Arbeitet die Lokale Agenda für nachhaltige Entwicklung selbst nachhaltig genug? Das war das Thema bei ihrem Zweijahresbericht im Gemeinderat gestern.
CDU-Stadtrat Hans-Walter Roth hat vor der gestrigen Gemeinderatssitzung eine kleine Umfrage unter Ulmern am Tannenplatz gemacht. Frage: Was ist die Lokale Agenda Ulm 21? Antwort: Eine Aktion der Schulen? Eine der Kirche? Keiner wusste es, außer, immerhin, ein Wiblinger Stadtrat. Dabei dürfte die Agenda den Ulmern schnell ein Begriff sein, denken sie an den Aktionstag "Ohne Auto mobil". Oder an den Spazierwegeführer "Unterwegs in Ulm". Oder an die Eisblockwette 2009. Alles Aktionen der Agenda.
Die Episode fasst zusammen, was den gestrigen Agenda-Bericht beherrschte: Wie kann die Lokale Agenda Ulm 21 - auf Initiative des Klimagipfels in Rio 1992 und dann nach Beschluss der Stadträte 1999 zur ökologisch, ökonomisch und sozial verträglichen Entwicklung gegründet - besser unter die Leute gebracht werden? Denn es ist ja so, wie Roth stellvertretend für die Kollegen sagte: "Sie bringen eine tolle Leistung. Sie nutzen Ihrer Stadt im Ehrenamt. Es geht um die Hausaufgaben, die wir machen müssen."
Dass die Agenda-Leute in der Öffentlichkeitsarbeit nachlegen müssen, wissen sie dabei selbst am besten, wie Regina Zeeb vom Sprechertrio des Agenda-Vorstands zuvor ausgeführt hatte: "Wir müssen mehr Leute für uns interessieren", für die Themen an sich ebenso wie für die Entwicklung neuer Projekte.
Beispiel alte Leute: Roth hat das Gefühl, dass der Agendaprozess noch nicht richtig bei den Senioren angekommen ist, institutionalisiert zum Beispiel im Generationentreff. Regina Zeeb kündigte an, dass ein Schwerpunkt jetzt beim Thema demographischer Wandel und Generationengerechtigkeit gesetzt wird.
Beispiel junge Leute: SPD-Stadträtin Lisa Schanz schlug vor, im Agendaprozess das Jugendparlament stärker ins Spiel zu bringen. Regina Zeeb kündigte an, verstärkt junge und damit neue Leute für nachhaltige Themen und Projekte zu gewinnen. Ein Schlagwort dafür gibt es schon: "Junge Agenda."
Dabei gibt es junge Projekte durchaus, so wie das "Lernen auf dem Bauernhof" mit Schulen, das nach Beobachtung der Stadträte aber nicht so richtig anschlägt. Womit man wieder beim Thema war.
Der Vorstand arbeitet am Markenimage der Agenda. Er will mit dem "Standpunkt Ulm" einen Newsletter zu Projekten auflegen und die Netzwerktätigkeit verstärken, auch über einen intensiveren Internetauftritt. Regina Zeeb: "Wir wollen Leute miteinander in Verbindung bringen." Dabei ist der Agendaprozess in dieser Frage auf dem besten Wege, wie OB Ivo Gönner den vielen ehrenamtlich Tätigen bescheinigte. "Die Agenda ist auf einem guten Weg, weil sie Projektpartnerschaften schließt." Nicht zuletzt deswegen stehe sie im bundesweiten Vergleich so erfolgreich da.
Neue Projekte versprechen übrigens bereits neue Aufmerksamkeit: So steht auf der Agenda, ein Fahrradleihsystem auf die Wege zu bringen. Und "Schlemmertouren" sollen Bioprodukte im Stadtgebiet fördern.

Kommentar: Die Kleinen sind die Deppen
Es stand im Ulmer Gemeinderat gestern außer jeder Frage, dass die Arbeit der Lokalen Agenda 21 in Ulm aller Ehren wert ist. Ja, sie scheint sogar viel nachhaltiger zu sein als in vielen anderen deutschen Kommunen. Noch mehr Ehre für diese Arbeit wird nur dadurch verhindert, dass sie ehrenamtlich geleistet wird. Vorstandssprecherin Regina Zeeb sagte folglich auch, dass man am "Rande der Leistungsfähigkeit" stehe. Das verhallte ungehört.

Das verhallte ungehört offenbar auch bei Oberbürgermeister Ivo Gönner, der rühmte, wie die Agenda praktisch vormache, was andere nachhaltig leicht nachmachen können. Wenn aber die Ressourcen dafür erschöpft sind und die gerühmte Sache nicht einschlafen soll, genügt es zum Beispiel nicht, Vereine aufzufordern, in der Agenda-Zeitschrift zu werben, damit diese nicht untergeht. Dann muss man im Rathaus einen Batzen Geld in die Hand nehmen, um die öffentlichkeitswirksame Zeitschrift zu fördern. Das heißt - wenn man es ernst meint mit der nachhaltigen Entwicklung. Also mit der Zukunft der nächsten Generationen.

Genauso genügt es nicht, wie Stadträtin Birgit Schäfer-Oelmayer noch mehr nachhaltige Akzente von unten zu fordern, wenn die da oben versagen, da ja der Klimagipfel in Kopenhagen scheiterte. Leider. Leider scheitern noch viel mehr Gipfel. Leider braucht man das viele kleine nachhaltige Geld zum Beispiel zur Rettung verbratener Milliarden. Wirkt auch ganz schön nachhaltig.
JAKOB RESCH


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