Sie zieht Siebe, Pfannen, Teller, Ölkanister und manchmal ganze Bürostühle aus dem Gebüsch. Die 37-jährige Martina Freund packt als selbsternannte „Müllfluencerin“ an, wo es nötig ist.
Martina Freund weiß bereits nach wenigen Minuten: „Hier muss ich unbedingt noch einmal herkommen.“ Später, vielleicht morgen, wenn sie noch einmal eine Stunde Zeit mitbringen kann. Nicht, weil es hier so schön ist, sondern, im Gegenteil, gar nicht schön. Hier, das ist der Parkplatz, der sich am Eingang des Örlinger Tals befindet, etwas unterhalb der ehemaligen Universitätsklinik, dort wo heute neue Wohnungen entstehen. Doch hier am Parkplatz entsteht nichts Neues, sondern wird Altes entsorgt. Wahllos ins Gebüsch. Für die Gestalterin für visuelles Marketing ist jede weggeworfene Dose, Tasse oder Tüte wie ein Dorn im Auge. Aus diesem Grund hat sich die junge Mutter als ehrenamtliche Putzpatin bei den Ulmer Entsorgungsbetrieben EBU gemeldet, die Zange und Müllsack stellen und nach ihrem Anruf die gefüllten Müllsäcke abholen. Hier, auf dem Parkplatz, war sie schon einige Male, und es wird eben auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Doch frustriert ist die 37-Jährige, die sich selbst als Umweltaktivistin bezeichnet, deshalb nicht: „Früher dachte ich, dass ich als Einzelne nichts an der Misere ändern kann.“ Heute denkt sie nicht mehr so: „Ich weiß, dass ich die Menschen nicht ändern kann. Aber ich kann ein Vorbild sein.“
Denn sie glaubt, dass sie in den vergangenen zehn Jahre persönlich so viel Tüten, Gläser, Flaschen, Scherben, Zigarettenkippen zusammengetragen hat, wie in einen ganzen Schiffscontainer passen: „Mindestens“. Denn seit genau dieser Zeit ist sie unterwegs, sammelt in der ganzen Stadt, einmal in der Woche. „Wenn ich irgendwo in der Stadt achtlos weggeworfenen Müll entdecke, komme ich später noch einmal her, auch im Urlaub.“ Durch ihren Instagram-Kanal „ulmer_dreckspatz“ pflegt sie Kontakte zu Gleichgesinnten in der ganzen Welt. Der Austausch über die sozialen Medien macht ihr klar: „Eine Unterstützung durch die örtlichen Entsorgungsbetriebe, wie ich es in Ulm habe, gibt es in anderen Ländern oftmals nicht.“ Auch wenn Martina Freund weiß, dass Orte, die sie schon gereinigt hat, vielleicht nach kurzer Zeit wieder vermüllt sind, so wird sie stets weitermachen. Aus moralischen Gründen: „Ich würde es später in meinem Leben ganz sicher bereuen, wenn ich nicht alles probiert hätte, um den Müllstand etwas zu reduzieren.“ Deswegen wird die Müllfluencerin zurückkommen. An die Orte, die verschmutzt sind. Immer wieder.

Manchmal findet Martina Freund sogar alte Bürostühle im Gebüsch. Foto: Stefan Loeffler
