Wie nachhaltig ist unsere Region? Bei der diesjährigen Stadthausveranstaltung diskutierten die Neu-Ulmer Oberbürgermeisterin Katrin Albsteiger, der Ulmer OB Martin Ansbacher sowie Heiner Scheffold, Landrat des Alb-Donau-Kreises, über Chancen und Perspektiven.
Wenn Katrin Albsteiger über Nachhaltigkeit in der Region nachdenkt, hat sie ein Bild von grünen Städten vor Augen. „Das liegt daran, dass ich eine große Anhängerin von Fassadenbepflanzungen bin“, so die Oberbürgermeisterin der Stadt Neu-Ulm. Heiner Scheffold sieht die vielfältige Schönheit des Alb-Donau-Kreises vor sich, mit einer starken Wirtschaft, einem großen gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Ich sehe auch viele PV-Freiflächenanlagen und zunehmend Windräder, die hoffentlich noch mehr werden“, so der Landrat. Martin Ansbacher, Oberbürgermeister der Stadt Ulm, denkt bei dem Thema an eine große Gemeinschaft: „Ich sehe viele glückliche Menschen, die die Herausforderungen der Zeit zusammen bewältigen. Unsere Gesellschaft wird stärker, wenn wir uns intensiver mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen.“
PV-Anlage auf Neubauten Standard
Alle drei Verwaltungschefs saßen auf Einladung des Ulmer Initiativkreises nachhaltige Wirtschaftsentwicklung (unw) auf der Bühne der diesjährigen Stadthausveranstaltung, die 2026 den Titel trug: „Nachhaltigkeit in der Region – Gute Beispiele, neue Perspektiven“.
Aktivitäten gibt es genügen. So sind zum Beispiel im vor zwei Jahren auf den Weg gebrachten Klimaschutzkonzept der Stadt Neu-Ulm 29 Maßnahmen aufgelistet, mit denen das Ziel, die kommunale Klimaneutralität bis 2040 zu erreichen, umgesetzt werden soll. Unter anderem werde der Anteil der PV-Anlagen auf städtischen Dächern ausgebaut, so Katrin Albsteiger: „Auf jedem neuen Gebäude sind diese Anlagen bereits Standard.“
Auch Martin Ansbacher möchte bei der Installation von Dach-PV-Anlagen noch besser aufgestellt sein: „Hier müssen wir noch Gas geben“. Auch im Donautal seien, so habe er es auf einem Luftbild gesehen, noch etliche Firmendächer nicht bestückt. Vor kurzem habe die Stadt jedoch im Örlinger Tal eine fünf Hektar große Freiflächen-Anlage in Betrieb genommen, die bis zu 1.700 Haushalte versorgen könne. Der Ausbau von Anlagen für erneuerbare Energien im Alb-Donau-Kreis liege, so Landrat Scheffold, aktuell bei 72 Prozent. Bei den PV-Anlagen seien 675 Megawatt Erzeugungsleistung installiert: „In diesem Bereich sind wir ganz knapp hinter Biberach auf Platz zwei, aber weit vor allen anderen Kreisen.“ Zur Errichtung neuer Windräder lägen derzeit über 120 Anträge vor.
Neu-Ulm nähert sich im Nahverkehr Ulmer Niveau an
Diskutiert wurde an dem von dem Ulmer Journalisten Stefan Loeffler moderierte Abend auch das Thema Mobilität. Für Katrin Albsteiger liegen die Schwerpunkte in diesem Bereich beim ÖPNV und dem Radverkehr. Hier spiele wie in allen Bereichen die Finanzierung jedoch eine große Rolle, allgemein stehe immer die Frage im Raum, wer die Kosten für den Klimaschutz übernehme. Enormes Potential sieht die Neu-Ulmer Rathauschefin beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, die beste Voraussetzung hierfür sei der neue Nahverkehrsplan, den die Stadt gemeinsam mit Ulm umsetze. Um den Streckenausbau besser gestalten zu können, habe Neu-Ulm vor zwei Jahren die Aufgabenträgerschaft für den ÖPNV vom Landkreis Neu-Ulm übernommen, der durch den ländlichen Raum ganz andere Strukturen habe als das doppelstädtische Gebiet: „Jetzt können wir uns dem Ulmer Niveau nähern.“ Zum Beispiel gelänge es mit dem neuen Plan auf einigen Strecken sogar den 10-Minuten Takt anzubieten. Katrin Albsteiger: „Das war vorher undenkbar.“ Die Fahrleistung des motorisierten Individualverkehrs bis 2040 um bis zu 25 Prozent zu senken, nennt sie selbst „sehr ambitioniert.“ Martin Ansbacher blickt mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf Busse und Bahnen in seiner Stadt: „Unser ÖPNV ist sehr gut, aber unser ÖPNV ist auch sehr teuer, denn pro Jahr machen wir mit dem Angebot 30 Millionen Euro Verlust.“ Dieser könne bislang über den kommunalen Querverbund gegenfinanziert werden. Doch wie lange noch? Andere Kommunen in Baden-Württemberg müssten ihr Nahverkehrsangebot bereits drastisch zurückfahren, so Ansbacher: „Wir leben in herausfordernden Zeiten“. Nach dem Kauf von 46 elektrobetriebenen Linienbussen durch die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm, auch Dank hoher Fördersummen durch das Land möglich gemacht, soll der Fuhrpark nun so schnell als möglich komplett auf E-Fahrzeuge umgestellt werden. Für den Ulmer OB war es wichtig zu betonen, dass ein gut funktionierender ÖPNV, Mobilität an sich, ein wesentlicher Aspekt der sozialen Teilhabe in einer Gesellschaft sei.
E-Fahrzeuge für die Fuhrparks
Katrin Albsteiger sieht ihre Stadt in Bezug auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur auf einem guten Weg: „Zudem investieren wir sehr stark in den Ausbau von Endhaltstellen.“
Etwa 15 Prozent des städtischen Fuhrparks der Stadt Neu-Ulm seien derzeit Fahrzeuge mit vollelektrischem Antrieb, so Albsteiger.
Die Verwaltung des Alb-Donau-Kreises werde, so Landrat Heiner Scheffold, seit 2016 komplett auf E-Autos umgestellt: „Bei den Straßenmeistereien tun wir uns noch etwas schwer, da es Streu- oder Räumfahrzeuge und Unimog noch nicht in dieser Ausführung gibt.“
Der Ausbau des Nahverkehrs mit E-Fahrzeugen könne jedoch aufgrund der teils explodierenden Kosten nicht in dem Maße vorangetrieben werden, wie man es gerne möchte, so Scheffold: „Wir müssen ein anderes Bewusstsein für den ÖPNV entwickeln.“ Denn kaum jemand rechne sich permanent die Kosten für Autofahrten aus, jeder stöhne jedoch bei schon wieder gestiegenen Bus- und Bahntickets. Doch was rechnet sich mehr?
Die drei Podiumsteilnehmer stellten sich auch den Fragen der Zuhörerschaft. So wollte ein Besucher wissen, inwieweit die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen in die lokalen und regionalen Maßnahmen einfließen. Für Katrin Albsteiger sehr stark: „Denn wir sind als Kommune auch für die sozialen Aspekte der Nachhaltigkeitssäule zuständig, darunter Bildung, Teilhabe, Inklusion und Integration. Unsere kommunale Verantwortung umfasst alle Generationen.“ Martin Ansbacher: „Die UN-Ziele prägen uns jeden Tag, denn danach richten wir unser politisches Handeln aus.“ Besonders stolz sei er unter anderem darauf, dass Ulm zu Beginn des Jahres erneut zur Fairtrade-Stadt ernannt wurde, ein Titel, den die Stadt nun bereits seit 2014 trage. Für einen weiteren Gast war es wichtig zu erfahren, wie die Städte und der Kreis junge Menschen motivieren können, sich für Nachhaltigkeit zu begeistern und welche Rolle die sozialen Medien dabei spielen. Für Martin Ansbacher sind diese digitalen Kanäle mitentscheidend, wenn es darum geht die Impulse und Fragen der Jugend zu hören: „Wir erörtern das Thema Nachhaltigkeit zudem auch in unserem Kinder- und Jugendparlament und sind mit der Lokalen Agenda auch ganz bewusst in den Schulen unterwegs.“
Pragmatisch und mutig
Martin Ansbacher sieht im Klimaschutz eine große Aufgabe und finanziell hohe Herausforderungen: „Natürlich kostet es Geld, aber nichts zu tun kostet noch viel mehr.“ Wichtig seien Optimismus und ehrliche Debatten. Er sehe keinen Grund den Kopf in den Sand zu stecken, oder gar, wie vor ein paar Tagen auf dem Münsterplatz geschehen, die Energiewende in einem Trauerzug zu Grabe zu tragen: „Wenn wir alle zusammen pragmatisch und mutig sind, können wir unsere Ziele auch erreichen.“ So sah das auch Landrat Heiner Scheffold: „Es ist im Moment nicht einfach. Wir leben dennoch in einem starken Wirtschaftsraum auf einem enorm hohen Standard. Lösungen auf Probleme zu finden ist uns immer gelungen und dies wird auch in Zukunft so sein.“ Denn eines ist dem Landrat klar: „Die Energiewende ist irreversibel.“ Man könne gut und gerne diskutieren, ob zum Beispiel der Ausstieg aus der Atomkraft richtig oder falsch gewesen sei: „Doch er ist Fakt und die Linien hin zum Ausbau erneuerbarer Energien ist vorgegeben.“ Auch Katrin Albsteiger zeigt sich schon aus Berufswegen optimistisch: „Wer mit negativem, schwarzem Blick in die Zukunft schaut, kann nicht gestaltend wirken.“
Und so sah das auch Martin Ansbacher, der voller Zuversicht in die Zukunft blickt: „Wir sind gut aufgestellt und ich habe großes Vertrauen in die Bürgerschaft und in die Demokratien, so dass wir die Herausforderungen alle gemeinsam gut bewältigen werden.“
KASTEN
Reime zum Reboundeffekt
In der Pause zischenden beiden Frage- und Antwortblöcken unterhielt der Poetry-Slammer Andreas Rebholz das Publikum mit zwei Texten für den Kopf und für das Herz. Unter anderem erklärte er reimend den Reboundeffekt und damit das Phänomen, dass technische Verbesserungen nicht zu den erwarteten Einsparungen von Energie oder Ressourcen führen, weil sie Nutzer zum Mehrverbrauch verleiten. Andreas Rebholz, der seine Kunst nutzt, um oftmals wissenschaftliche Erkenntnisse zu erklären, moderiert unter anderen auch den „Science Slam“ im Ulmer Roxy.
Foto: V.l.: Die Podiumsteilnehmer Stefan Loeffler, Katrin Albsteiger, Heiner Scheffold und Martin Ansbacher lauschen dem Vortrag des Poetry Slammers Andreas Rebholz.
Foto: Andrea Lippert

